Die Vergangenheit lässt sich nicht auslöschen. Sie lässt sich allenfalls verarbeiten und überwinden, doch das sagt sich einfacher, als es zumeist ist. „The Past“ heißt die erste Single vom neuen Album des Singer/Songwriters Jules Ahoi. Beim Arrangement des Songs wurde auf jedes Beiwerk verzichtet, das auch nur ansatzweise hätte beiläufig oder gar verzichtbar wirken können. Es geht um Konzentration auf das Wesentliche, um Präzision des Ausdrucks, um die Unterstützung des Textes und seiner Aussage. Im Mittelpunkt stehen Gitarre und Gesang, was sich darum aufbaut, folgt einer zwingenden, songimmanenten Logik. So ruhig „The Past“ auch ist, so drängend wirkt es auch, denn das lyrische Ich will die Vergangenheit hinter sich lassen, endlich, so schnell wie möglich.

Und das als erste Single? 

So etwas macht man nur, wenn man eine klare Botschaft vermitteln will. In diesem Fall lautet sie: So ist es mir in den vergangenen Jahren ergangen. Und das ist die Musik, die daraus entstanden ist. Das dürft Ihr auf meinem neuen Album erwarten. 

Konzentration auf das Wesentliche, Präzision des Ausdrucks: Was Jules Ahoi auf „Melancholic Dreamwave“ gelingt, ist der vorläufige Höhepunkt seiner Entwicklung als Autor und Komponist, als Musiker und Sänger. Musik begleitet ihn seit seinem dritten Lebensjahr. Er lernte Klavier, Schlagzeug, Gitarre, durchstöberte mit wachem Entdeckergeist die Plattensammlung seiner Eltern, begann recht früh, eigene Songs zu schreiben. Sein neues Album ist das achte, das er als Singer/Songwriter aufgenommen hat. Dank der Reduktion auf das aus künstlerischer Sicht absolut Erforderliche beinhaltet es die Essenz, die Jules Ahoi als Künstler so besonders macht: Kompositionen zwischen klassischem Songwriting und reizvollem Experiment; Texte, die sich aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen speisen und für die Zuhörenden dadurch interessant werden, dass sie große, uns alle angehende Themen verhandeln – und das verschlüsselt und bildmächtig genug, um auch beim wiederholten Hören Rätsel aufzugeben, Assoziationen auszulösen, Gedankengänge anzustoßen.

Dafür, dass „Melancholic Dreamwave“ ein dermaßen konzentriertes Album geworden ist, gibt es mehrere Gründe. Der offensichtlichste ist die Pandemie. Als der Lockdown verhängt wurde, baute Jules Ahoi in seiner Wohnung sein eigenes kleines Studio auf und spielte dort die zehn Songs des neuen Albums im Alleingang ein. Erst als diese Ur-Version des Longplayers vollendet war und die Kontaktbeschränkungen aufgehoben wurden, bat er seine Band zu sich nach Hause, wo alles aufgenommen wurde, was noch fehlte (fürs Schlagzeug zog man allerdings dann doch in den Proberaum um). Mit den vertrauten Musiker*innen kam auch ein Produzent hinzu: Lukas Streich, bislang „nur“ verantwortlich für den Live-Sound der Band. 

Dass die Wahl auf ihn fiel, hat unmittelbar mit dem Vorgänger-Album „Dear _“ zu tun, für die bei der Produktion einiges an Aufwand betrieben worden war. Als die Tour zur Platte anstand, fielen aufgrund der Pandemie so viele Konzerte aus, dass Jules Ahoi die neuen Songs live nicht wirklich für sich vereinnahmen konnte. „Ich hatte nicht die Gelegenheit zu verstehen, was da überhaupt passiert und wie die neuen Songs wirken“, sagt er heute. Er sei weiterhin stolz auf dieses Album, keine Frage. „Emotional habe ich aber komplett den Anschluss daran verloren.“

Das allein wäre schon genug Anlass gewesen, etwas zu verändern.  Es kam aber noch etwas anderes hinzu: Die wenigen Konzerte, die stattfanden, legten offen, dass „Dear _“ live kaum zu reproduzieren ist. „Ich bin nun mal kein Freund von Backing Tracks“, so Jules Ahoi. Der logische Schluss: Das neue Album sollte auf der Bühne leicht umzusetzen sein, mit dem Fokus auf Gitarre und Gesang. Auf Wiedersehen, krasse Produktion; der Künstler näherte sich wieder seinen Anfängen an, und Corona-konform war dieser Ansatz nun mal auch. 

Jules Ahoi und Lukas Streich gingen bei der Selbstbeschränkung auf das Notwendigste dann aber noch einen Schritt weiter: Die Aufnahmen – auch die der Musikvideos! – sollten so weit wie nur eben möglich analog vonstatten gehen. Wer mit digitalem Equipment hantiert, hat es einfacher, Fehler werden schneller verziehen. Die Verführung, produktionstechnisch immer noch ein bisschen mehr zu machen, dem Sound „Lametta“ hinzufügen, wie es Jules Ahoi nennt, ist größer. Analoge Aufnahmetechnik setzt Grenzen, erfordert mehr Aufwand und erfordert ein Bewusstsein dafür, was man will und wohin mal möchte. Auch das hat dazu geführt, dass die Songs von „Melancholic Dreamwave“ so essenziell wirken, dass man beim Zuhören das Gefühl hat: Jeder Ton ist notwendig. 

Musikalisch schlägt die Platte einen Bogen von klassischen Indie-Rock-Songs à la „Velvet“ (wer spätestens beim Instrumental-Teil nicht wegschmilzt, ist kein Mensch) bis hin zu ausgefuchst komponierten Liedern jenseits der gängigen Strophe-Refrain-Strophe-Struktur. Man höre sich etwa „U Bloom, Still“ an, mit diesem so wunderbar leicht wirkenden, aber tatsächlich sehr vertrackten und kunstvollen Gitarrenlauf: Wie es Jules Ahoi bei diesem Lied geschafft hat, Lyrics und Sounds zu einer stimmigen Einheit zu formen und eine durchaus fragile, alles andere als alltägliche Komposition eingängig erscheinen zu lassen, demonstriert eindrucksvoll, wie sehr er als Songwriter und Autor gereift ist. 

Es gibt zwei Spannungsfelder auf „Melancholic Dreamwave“. Das eine ist das soeben erwähnte kompositorische. Das andere betrifft die Emotionalität – die Stimmung. So eröffnet „The Past“, dieses Musik gewordene Ringen mit der Vergangenheit, auf der Vinyl-ausgabe die B-Seite und steht damit dem Opener der A-Seite gegenüber. „All Shall Be Well“ schließt das Dunkel der Vergangenheit und Gegenwart nicht aus, macht aber Hoffnung auf Sonnenschein in der Zukunft und klingt musikalisch entsprechend leichter, dynamischer. „Ich bin schon ein melancholischer Mensch, der sich sehr in Gedanken verstricken kann und dann tagelang nicht die Wohnung verlässt“, erklärt Jules Ahoi. „Aber ich habe auch eine sehr zuversichtliche, lebensbejahende Ader in mir.“ Beide Seiten finden auf „Melancholic Dreamwave“ ihren Platz, und das eben ganz besonders ausgeprägt an prominenter Stelle: jeweils als erstes Stück.

In „The Past“ und anderen Liedern der neuen Platte blickt Jules Ahoi wie schon auf „Dear _“ auf den Tod des Vaters zurück. Im Lockdown war ihm bewusst geworden, dass er dieses einschneidende Ereignis noch lange nicht verarbeitet hat. Nach Abschluss des 2020er Albums hatte er zunächst keine Lieder mehr geschrieben, zu leer habe er sich gefühlt. Stattdessen sah und hörte er ganz genau hin, als die Pandemie das Leben grundsätzlich veränderte und damit auch das Verhalten der Menschen. Was geschah da auf einmal? Was ging in ihm selbst vor? „Ich habe mich wie ein Schwamm mit Eindrücken vollgesogen“, erinnert sich Jules Ahoi. Die ersten Texte entstanden, und damit die ersten Lieder.

Als hervorragende musikalische Inspirationsquelle erwiesen sich dabei die drei Drum Machines, die er während des Lockdowns erwerben konnte. Drei Originale aus den 70ern, ein langgehegter Traum. Zwei funktionierten auf Anhieb, bei der dritten musste der Künstler als Bastler ran. Dass sich der finanzielle und zeitliche Aufwand gelohnt hatte, stand sehr schnell fest: „Wenn ich die Dinger anmache, sprudeln die Ideen nur so aus mir heraus.“

Der Einsatz der Drum Machines zieht sich durch das gesamte Album, bildet sein musikalisches Rückgrat. „Melancholic Dreamwave“ ist kein Konzeptalbum im Prog-Rock-Sinne, bildet aber eine Einheit. Nichts passiert hier zufällig. Dass auf „U Bloom, Still“ mit „To Make A Heart Beat“ ein potenzieller Hit mit subtilem Pop-Appeal folgt, ist ebenso effektvoll wie die Dramaturgie des letzten Albumdrittels. Da nimmt die Platte vor allem mit „Lost In The Light“, einer Hommage an Ahois Lieblingsband The Police, noch einmal richtig Fahrt auf, bevor sie mit dem Titeltrack ausklingt. Hintergedanke: Auch eine Welle muss sich erst einmal aufbauen. 

Mit „Melancholic Dreamwave“ sind die Gedankenkreisel gemeint, die einen hinabziehen und am Einschlafen hindern. Dem Sujet angemessen hat Jules Ahoi den Song als Stream of Consciousness konzipiert, ein weiteres Beispiel für das kunstvolle Zusammenspiel von Inhalt und Form. Es ist das letzte Ausrufezeichen eines Albums voller wunderbarer Melodien und kluger Entscheidungen, das zu hören unendlich viel Freude bereitet und einem viel Stoff zum Entdecken und Nachdenken gibt. Immer und immer wieder.

(Marcus Bäcker, 674.fm, KStA)